“Ich operiere am liebsten die Patellasehne bei meinen Kreuzbandverletzungen. Das kann ich am besten und habe die größte und die längste Erfahrung damit. Auch in der Literatur hat dieses Transplantat die besten biomechanischen Eigenschaften.” So das fiktive  Statement eines beliebigen Kreuzbandchirurgen.

Es ist richtig aus Sicht des Operateurs, dass die Erfahrungen in einer bestimmten Operationstechnik ein Erfolgsfaktor für gute Operationsergebnisse sind. Nur ist eine monogame Auswahl in der OP -Technik nicht immer kompatibel mit dem optimalen Heilerfolg für den Patienten. Gerade bei Stop and Go Sportarten, wie Fussball, Volleyball und Basketball, die hohe Anforderungen an die neuromuskuläre Kontrolle und Stabilität des Kniegelenkes stellen, kann die monotone Verwendung eines bestimmten Transplantates unter Umständen die volle Funktionswiederherstellung des verletzten Kniegelenkes verhindern und damit das Erreichen des vor der Verletzung vorliegenden sportlichen Aktivitätsniveaus. Die Ansprüche an die Motorik mit allen dazugehörigen Eigenschaften sind je nach Sportart unterschiedlich, die Beanspruchung des Kniegelenkes ebenfalls.

-SPRINTEN, SPRINGEN, STOPPEN- ,das sind bei sog.”Stop and Go” Sportarten die Schlüsselaktionen, die neben gleichförmigen Bewegungen wie Lauf- und Sprintbelastungen, die höchste Anforderung an den Bewegungsapparat des Sportlers stellen. Die dabei abgerufenen spezifischen sportlichen Aktionen sind vor allem Reaktionsschnelligkeit, Kraft, Wendigkeit, Energie und Spritzigkeit. Dieses wird als Agilität bezeichnet, nämlich die Fertigkeit, die Richtung oder Orientierung des Körpers basierend auf einer raschen Verarbeitung von internen oder externen Informationen schnell, genau und ohne wesentlichen Verlust an Geschwindigkeit zu ändern.(Klika B. Speed, agility and quickness training for performance enhancement. In: Clark MA, Lucett SC, Kirkendall DT, eds. NASM’s essentials of sports performance training. Philadelphia: Lippincott illiams & Wilkins; 2010: 227–256)

Folgende Beispiele sollen verdeutlichen, weshalb es nötig ist, dass der erfahrene Operateur ein gewisses Spektrum an Operationstechniken auf Lager hat, um angemessen auf die verschiedenen Bedürfnisse seines Patientenklientels reagieren zu können.

Die Tänzerin (m/w)

Bezogen auf die kreuzbandverletzte Tänzerin bedeutet dies beispielsweise bei vermehrtem Anspruch von Drehbewegungen des Unterschenkels in Innen-und Aussendrehung die Schwächung dieser motorischen Fertigkeit bei der Verwendung der Semitendinosus–und oder Gracilisssehne, als Kreuzbandersatz, die neben der Beugung des Kniegelenkes gerade für die Innendrehfähigkeit verantwortlich zeichnen. In der Tat wäre hier die Verwendung z.b.der Quadricepssehne die Methode der Wahl oder die Semitendinosussehne des unverletzten Kniegelenkes, falls aufgrund von Kniescheibenproblemen diese nicht geeignet ist.

Der Gärtner(w/m)

Der mehr in kniebeugender -und knieender Tätigkeit verweilende Gärtner sollte dagegen z.b. nicht mit dem Transplantat der Patellarsehne versorgt werden, da infolge der Knochenblockentnahme aus der Kniescheibe bei knienden Tätigkeiten oft Druckbeschwerden auch lange Zeit nach der Operation an der Entnahmestelle bestehen bleiben können. (Knieschmerzsyndrom)

Der Judoka(w/m)

Das Wort Judo bedeutet sinngemäß der „Sanfte Weg“ oder auch „Siegen durch Nachgeben“. Nicht Kraft ist das Grundprinzip, sondern Technik. Die Kraft des Gegners wird geschickt ausgenutzt, sein Gleichgewicht gebrochen und die eigene Kraft auf den schwächsten Punkt des Gegners konzentriert. Angewiesen ist der Judoka auf eine komplette Funktionsfähigkeit des Hamstringreflexes , der eine unversehrte Semitendinosus-Gracilis Sehnenformation voraussetzt. Bei vorderen Kreuzbandverletzungen ist dieser Reflex offensichtlich a priori gestört, sodass die Entnahme dieser Sehnen für die Transplantatwahl vorzugsweise nicht erfolgen sollte.

Welche Konsequenzen könnten daraus abgeleitet werden?

  • Bei der Transplantatauswahl vor einer Kreuzbandrekonstruktion mit eigenem Sehnenersatz ist die sportartspezifische Belastung und Beanspruchung zu berücksichtigen.

  • Der Operateur sollte alle kreuzbanderhaltende Verfahren (ACL- Repairtechnik) und Rekonstruktionstechniken mit Sehnenersatzmaterialen beherrschen.

  • Die Anspruchshaltung des Sportlers in Bezug auf das sportliche Aktivitätsniveau nach der Operation muss vor der Operation geklärt sein.