Unser Patientenklientel zeigt, dass gerade die jugendlichen und jüngeren Fussballspielerinnen häufiger Verletzungen des Vorderen Kreuzbandes erleiden. Aber warum ist das so ? Eine genetische Disposition als einer der begünstigenden Faktoren für einen Riss des Kreuzbandes wird in der Literatur als Möglichkeit erörtert. (Harner, AJSM 1994; Flynn, AJSM 2005) Allerdings verfügen die bislang hierzu durchgeführten genetischen Studien noch über wenig wissenschaftliche Aussagekraft, da die Forschung hier noch in den Kinderschuhen steckt. Haltbare Schlussfolgerungen oder gar Praxisempfehlungen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu erwarten. Somit gibt es bisher wenig wissenschaftliche Studien und systematisch gesammelte klinische Erfahrungen (Evidenz), die belegen, warum junge Sportlerinnen ein deutlich höheres Risiko haben, eine Vordere Kreuzbandverletzung zu erleiden als ihre männlichen Kollegen.

Es gibt dennoch bereits mögliche Risikofaktoren aus ersten Studien, die sich auch mit unseren Erfahrungen decken. Wir unterscheiden zwischen nicht veränderbaren und veränderbaren Risikofaktoren.

Nicht veränderbare Risikofaktoren

  • Genetik

    (in der Familienvorgeschichte zu ermitteln)

  • weibliches Geschlecht

  • Grösse der Kreuzbandhöhle (Notch)

    (arthroskopisch und im Kernspintomogramm messbar)

    kernspintomographische Bestimmung der Weite der Notch (nwi -Index)

  • Umfang und Straffheit des Kreuzbandes

    (arthroskopisch zu prüfen)

  • vermehrte Abkippung des Unterschenkels (Slope)

    (im seitlichen Röntgenbild zu erkennen)

  • Bandlaxizität-Bindegewebsschwäche

    (allgemeine Bänderschwäche, allgemeine Überstreckbarkeit der Gelenke, Bindegewebsschwäche)

Veränderbare Risikofaktoren

  • Hoher BMI

    (Body mass Index) (Uhorchak, AJSM 2003)

  • Neuromuskuläre Kontrolle

    (bei Sprung- und Landetechniken, Uhorchak, AJSM 2003)

  • Hormonelle Faktoren

    (Höchste Inzidenz von Kreuzbandverletzungen in der Phase des Eisprungs)

  • Platzbeschaffenheit und Schuhauswahl

    (z.b. zu lange Stollen)

Welche praktische Konsequenzen können wir daraus ableiten?

  • Screening Programme zur Verifizierung o.g.Risikofaktoren sind wünschenswert.

  • Die weiblichen Athleten mit einer durchgemachten Kreuzbandverletzung, mit nicht ausreichender Kontrolle der Stabilsierung bei Sprungbelastungen und Landetechniken, allgemeiner Bandschwäche und möglichem familiärem Hintergrund profitieren dabei besonders von einem Screeningtest.
  • Die Identifizierung derjenigen mit anatomischen Riskofaktoren (z.b.enge Kreuzbandhöhle, entsprechender Unfallmechanismus, Beinachsenfehlstellung (z.b. nach innen gerichtete Kniescheiben!) sollten dannach mehr Gewicht auf präventive Massnahmen legen.
  • Die Operation der Vorderen Kreuzbandplastik bei sog. “engen anatomischen Verhältnissen” , wie enge Kreuzbandhöhle, erfordert Sorgfalt bei der Anlage der Bohrlochkanäle, damit es nach der Operation nicht zu Bewegungseinschränkungen des Kniegelenkes kommt.